Es gibt Zahlen, die kann man sich nicht schön trinken: Der Absatz beim Bier bricht ein. Der Haller Löwenbräu-Chef Peter Theilacker sieht in industriellen Billigprodukten einen Teil des Problems – und setzt auf ein besonderes Gütesiegel (von Antonio De Mitri)

Nein, Bierbrauen macht zurzeit nicht richtig Freude, möchte man meinen. Seit Jahren geht der Absatz beim Hopfentrunk zurück. Konsumierten die Deutschen vor zehn Jahren noch im Schnitt knapp 125 Liter Bier pro Jahr und Kopf, so sind es inzwischen nur noch etwa 106. Die Generation Z trinkt immer weniger Alkohol. „Es war ein desaströses Jahr“, anders kann es Peter Theilacker nicht ausdrücken. Der Geschäftsführer der Haller Löwenbrauerei, eigentlich bekannt für seine optimistische Haltung, blättert an diesem Nachmittag nachdenklich in seinen Unterlagen. „Selbst die guten Sommermonate konnten am Trend nichts ändern“, ergänzt er.


Der Trend wird inzwischen vor allem von jüngeren, urbanen Verbrauchern gesetzt. Laut einer Studie der Meinungsforscher von YouGov trinkt jeder zweite Jugendliche oder junge Erwachsene der „Generation Z“ – geboren zwischen 1995 und 2010 – inzwischen überhaupt keinen Alkohol mehr. Im Vergleich dazu haben alkoholfreies Bier, mit inzwischen mehr als acht Litern pro Kopf und Jahr (2011: 6,0), sowie alkoholfreie Erfrischungsgetränke mit 125,5 Litern (vorher 122,5 Liter) in Deutschland weiter zugelegt.


Hinzu kommt, dass viele Konsumenten angesichts steigender Lebenshaltungskosten seltener ausgehen. Laut Statistischem Bundesamt sank der Umsatz in der deutschen Gastronomie bis September real um 3,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. „Essengehen wird immer teurer, und wenn die Leute in den Gasthäusern wegbleiben, reißt das auch uns mit“, so Theilacker. Ein weiterer Grund für die schwierige Lage: Im Verlauf dieses Jahres sind die Exporte deutscher Bierbrauer um 7,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr eingebrochen. Die angespannte Weltlage tut ihr Übriges: Russland ist als Markt komplett weggebrochen, China wird ebenfalls immer schwieriger – auch, weil dort inzwischen deutlich mehr im eigenen Land gebraut wird.


Theilackers Fazit: „So schlecht wie in diesem Jahr war es seit Beginn der Pandemie für uns noch nicht.“ Immerhin schnitt sein Unternehmen mit einem Minus von vier Prozent beim Flaschenbier und fünf Prozent beim Fassbier noch vergleichsweise gut ab. Beim Blick nach vorn paart sich für den Brauereichef Ernüchterung mit Zuversicht: „Wir müssen uns nichts vormachen. Beim Bierkonsum werden wir Mengen wie vor Corona nicht mehr erreichen.“ Dennoch lässt er sich von Meldungen über Insolvenzen – etwa bei Eichbaum in Mannheim – und Werksschließungen wie bei Oettinger nicht schrecken. „Als erstes leiden die Hersteller unter den aktuellen Entwicklungen, die sich in den Kampf um die Billigsegmente begeben und dabei Geld verschleudert haben.“
Damit kommt Theilacker zu einem entscheidenden Punkt. Denn er wäre nicht er selbst, wenn er für sein Unternehmen nicht trotzdem einen Weg gefunden hätte, der ihm Grund zu Optimismus liefert. Das Stichwort lautet „Slow Brewing“. Seit 2013 gehören die Haller der Vereinigung an, die ans Brauen ganz besondere Qualitätsansprüche stellt und sich damit klar von jenen Brauereien abgrenzt, die Theilacker den Billigsegmenten zuordnet. Das Kalkül ist einfach: Wenn die Produzenten von Massenware am Markt zerbrechen, wird es immer noch eine Nische für hochwertige Biere und ihre treuen Konsumenten geben. „Bei uns schmeckt man halt heraus, dass das Bier noch nach traditionellen Verfahren entsteht“, so Theilacker.


Worin das Traditionelle besteht, verrät „Slow Brewing“ schon im Namen: Der Brauprozess dauert länger, die Rohstoffe sind hochwertig. Rund 30 Brauereien im deutschsprachigen Raum und in den Niederlanden tragen mittlerweile das Gütesiegel. Und wie zur Bestätigung von Theilackers Strategie sitzt an diesem Tag der Mann mit am Tisch, der „Slow Brewing“ ins Leben gerufen hat: August Gresser. Der 70-Jährige, aufgewachsen am Bodensee, lebt seit 40 Jahren in Südtirol und hat ein Stück italienischer Braugeschichte mitgeschrieben. Bekannte Marken wie Forst und Moretti gehören zu seiner Vita.
Gresser rief „Slow Brewing“ 2011 ins Leben. „Wir nehmen nicht jeden“, betont er und beschreibt das aufwendige Audit, dem sich die Mitglieder regelmäßig unterziehen müssen, um sich des Gütesiegels würdig zu erweisen. Trotz der Krise in der Bierbranche ist der leutselige Wahl-Südtiroler überzeugt, dass die Bierkultur überleben wird: „Beim Bier zusammensitzen, das ist Geselligkeit, Nähe und Lebensqualität“, sagt er überzeugt. Und das, fügt er hinzu, werde nie vollständig aus der Mode kommen.

(Quelle: RegioBusiness vom Dezember 2025 I Jahrgang 24 I Nr. 275)